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Erweitere dein Gebiet - Sei frei wie ein Vogel!

(Parabel)

Es ist hier einfach wunderbar und herrlich. So vertraut und voller Harmonie. Du fühlst dich geborgen und lebst gelassen in den Tag. Hast keinen Kummer, keine Sorgen. Weshalb auch? Du weißt nicht, was es ist. Aber sie ist speziell für dich da. Deine Hülle wird an Sommertagen von einem warmen, gelb schimmernden Licht durchleuchtet, manchmal wird es aber auch dunkel. Du kannst ja nicht ahnen, dass deine Aufpasser das Ei, in dem du dich befindest, vorsichtig mit ihrem Gefieder umspannen, wärmen und schützen. Es kommt vor, dass es laut um dich herum wird. Du wirst hin- und hergeschüttelt. Alles scheint zu wanken. Jedoch wird es nach einem kurzen, lärmenden Gekreische wieder still. Erneut wurde das Nest erfolgreich gegen die Eindringlinge verteidigt.
Du wächst stetig in deinem Ei und fühlst dich darin sehr wohl, obwohl es in deinem Umfeld oft mit großem Tumult zu sich geht. Kann es etwas Schöneres geben, als ein sicheres Leben hier zu verbringen. Du brauchst dich um nichts kümmern, wirst versorgt und bist zufrieden. Die Zeit vergeht und mit ihr deine Zufriedenheit. Fragen kommen auf und beginnen dich zu quälen. "Es muss doch noch etwas anderes geben! Ist das hier wirklich alles? Es wird irgendwie bedrückend hier drinnen!"
Du durchläufst eine unabwendbare Entwicklung und die Sehnsucht nach mehr kommt, einem Hunger gleich, in dir auf, während manch anderer Piepmatz mit seinem jetzigen Zustand glücklich zu sein scheint. Nicht jeder hält Ausschau nach etwas Neuem und ist bereit für eine Veränderung. Eins steht fest: Der Aufbruch einer Gewohnheit kostet Kraft. Viele scheitern an dieser Herausforderung, bleiben klein und entwickeln sich vielleicht sogar zurück.
Du hast keine Vorstellung darüber, was dich erwartet, wenn du deine Hülle aufbrichst. Obwohl auch Zweifel an deinem Vorhaben nagen, ist aber der Entschluss gefasst: "Die eigene, schützende, wärmende Hülle wird zerstört! Aber mach ich mich dadurch nicht verletzlich? Werde ich für meine Neugier bestraft und womöglich sogar gefressen?" Es bedarf schon eines enormen Mutes, einer unumkehrbaren Entschlossenheit und eines eisernen Willens diesen Schritt zu wagen und den harten Kampf mit der Schale in Angriff zu nehmen. Es bleibt aber deine eigene Entscheidung, dies zu tun oder zu lassen und deine Würfel sind gefallen.
Stundenlang quälst du dich bereits mit dem Aufpicken der Schale. Dein Schnabel ist nicht gerade gut ausgebildet und es geht nur schleppend voran. Endlich scheint jedoch deine Arbeit Früchte zu tragen und du erkämpfst dir ein kleines Loch. Ein Lichtblick! Deine Sinne spielen verrückt. Du erfährst etwas, was du nie zuvor erlebt hast. Es ist noch sehr fremd und auch blendend, aber das matte Licht, was du vorher gesehen hast, ist nun noch viel klarer und heller, nicht mehr trübe. Eigentlich dachtest du, es gäbe kein schöneres Licht, aber da hast du dich gewaltig getäuscht. Außerdem riechst du einen herrlichen Duft. Dass es so etwas gibt, hättest du nie gedacht und es übertrifft all deine Vorstellungen. Das da draußen fühlt sich ganz anders an, als das, was du vorher gespürt hast. Ein Kribbeln durchfließt deinen ganzen Körper, während du dich nur mühsam vorwärts kämpfst. Neugier und Sehnsucht nach diesem Unbekannten treiben dich an.
Es sind bereits weitere Stunden vergangen. Wie oft schon der Gedanke aufzugeben kam: "Das schaffe ich nicht alleine! Ich kann nicht mehr!" Doch deine Vogelmama packt mit an und hilft dir, das letzte Stück zu überwinden. Geschafft! Nun liegst du da: Nackig und unbeholfen. Ein ganz und gar hilfloses Wesen. Du frierst. Noch kannst du nichts anderes erkennen, als irgendwelche hellen und dunklen Lichteffekte. Einmal wohlig warm in einem leichten gelb, dann mal wieder schwarz und kalt. Aber es gibt im Moment nur eines, an was du zu denken vermagst: "Hunger!" Weit reißt du deinen Schnabel auf. Ein schrilles Piepsen kommt heraus. Du brauchst etwas, auch wenn du gar nicht genau weißt, was dies ist. Ungeduldig wartest du und zum Glück bleibt dein Schreien nicht ungehört. Endlich wirst du gefüttert und gestärkt.
Du schenkst all dem, was um dich herum geschieht, wenig Beachtung. Es muss dir aber auch egal sein, sonst machst du dir zu viele Gedanken und beginnst, Angst zu bekommen. Du erkennst nämlich deine bedürftige Hilflosigkeit und dein Ausgeliefertsein. Insgeheim fühlst du dich dennoch geborgen und von deinen Eltern beschützt, denn sie bringen dir Nahrung und wehren Feinde von dir ab. Wenn du frierst, nehmen sie dich in ihre flauschigen Federn, statten das Nest mit Material aus und schaffen dir ein weiches, gemütliches zuhause.
Auf diese Weise vergeht eine ganze Weile. Deine Lieblingsbeschäftigung ist: Nahrung aufnehmen. Du bist voll und ganz abhängig von deinen Versorgern und hast nun Zeit, dein bisheriges Leben zu reflektieren.
Als du dich aus deiner früheren Hülle befreitest, kamst du dir hilflos und verloren vor. Es war kalt und du stelltest dir oft die Frage, warum du diesen Schritt gewagt hattest. Mittlerweile aber, nachdem du das Riechen entdeckt hast und zu sehen beginnst, erkennst du die unglaubliche Schönheit und Pracht dieser neuen Welt. Dir ist es nun möglich Dinge wahrzunehmen, die dir vorher verschlossen waren. Deine Sinne werden zunehmend feinfühliger. Die Umwelt präsentiert sich in neuem Glanz und du lernst, alles um dich herum mit anderen Augen zu sehen. Hast du vorher nur ans Fressen gedacht, beginnst du nun auch deine nähere Umgebung wahrzunehmen. Dein Federkleid wächst und dir wird wärmer. Du fühlst dich stärker, wirst selbstbewusster und selbständiger. Mit der Zeit glaubst du, alles zu können und wirst stolz auf dein neues Erscheinungsbild und tolles Aussehen.
Doch mitten in dieser Euphorie wirst du zum Glück auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Mit einem Schubs aus dem Nest hat dir dein Vater gezeigt, wie abhängig du weiterhin geblieben bist. Zwar hast du alles aus eigener Kraft versucht, während du viele Höhenmeter herunterfielst, aber es hat nichts geholfen. Du musstest irgendwann resignieren und dich voll Vertrauen fallen lassen. Erst dann kam dein Vater und fing das fallende, fast leblos scheinende Ding, sanft mit seinem Rücken auf, um es wieder im Nest abzulegen.
Dieser Schreck war dir eine Lehre, bis zu dem Zeitpunkt, wo du es auf eigene Faust versucht hast. Es war dein Wunsch, genau wie deine Eltern, fliegen zu können. Zum Glück hat dein Vater dich damals mit seinen scharfen Augen gesehen und deinen Hilfeschrei gehört. Zurück bleibt eine weitere prägende Erfahrung, die fast dein Leben gekostet hätte. Du durftest aber auch lernen, dass immer jemand da ist, der dich beschützen kann, dem sogar alles daran liegt, dies zu tun.
Während deinen "Ausflügen", die von dir nicht bewusst steuerbar waren, hast du einen kurzen Einblick von "noch mehr Welt" bekommen. Erst dachtest du, dein Ei sei alles, was existiere. Dann das Nest mit seinen Hell- Dunkel- Effekten. Du begannst zu sehen, bist stattlich groß geworden,… Es ist unbeschreiblich, wie viele Gedanken du dir in letzter Zeit gemacht hast. Viele Einzelheiten deines bisherigen Lebens laufen wie in einem Film vor deinem geistigen Auge ab, während du am Rand des Nestes stehst und nach unten siehst, bereit, den nächsten Schritt zu wagen.
Erneut musst du Vertrauen haben, das weißt du. Du weist auch, dass dein Vater dich jetzt wohl nicht mehr auffangen kann. "Wer oder was wird mich nun halten, schaff ich das alleine", hast du dich gerade noch gefragt, während du dich schon die ersten zehn Meter im freien Fall befindest. Du zappelst und schlägst mit deinen Flügeln, aber fällst weiter wie ein nasser Sack Richtung Boden. Es ist schon höchste Zeit, als du merkst, dass eine unsichtbare Kraft permanent an dir vorbeifliegt, sich aber in deine Flügel krallen möchte. Sie greift nach dir und du brauchst dich anscheinend nur an ihr festzuhalten. Du siehst ein, dass du ohne diese Kraft nicht in der Luft bleiben kannst und dass deine Flügel ausgebreitet sein müssen, damit sie wirken kann. Du glaubst daran und… es klappt tatsächlich! Zwar ist dir nicht klar, wie es funktioniert, aber… du fliegst! "Jetzt bin ich ja immer noch nicht unabhängig, aber vielleicht will ich es auch gar nicht mehr sein? Möchte ich auf diese unverdiente Unterstützung denn überhaupt verzichten, oder soll ich sie nicht einfach dankbar annehmen und mich von ihr tragen lassen?" Tief im Inneren weißt du, dass du ohne sie nichts erreichen kannst und sogar verloren wärst.
Mit etwas Übung und einigen Flugversuchen gewinnst du an Sicherheit und Höhe. Unter dir erstreckt sich ein unglaublich weites Gebiet und du kommst in den Genuss einer grandiosen Aussicht. Wieder einmal erweitert sich dein Horizont gewaltig. Du erlebst jeden Flügelschlag intensiv und gleitest als König der Lüfte dahin.

Mit zunehmender Erfahrung hast du es selbst in der Hand, wohin dich deine Schwingen tragen. Du bist dir aber auch der tragenden Kraft bewusst, ohne die du selbst die ehrenvollsten Ziele nicht erreichen kannst und unentwegt auf die Nase fallen würdest. Du hast eingesehen, dass du von dieser Kraft abhängig bist. Das tolle ist aber, dass sie dich niemals verlässt. Manchmal verleiht dir die Thermik so viel Aufwind, dass du nicht einmal mehr mit den Flügeln schlagen brauchst. Aber es gibt auch Situationen, da scheint das Wetter gegen dich zu sein und du musst einen schnelleren Flügelschlag aufnehmen, um nicht abzustürzen.

Bist du auch gespannt, welche Gebietserweiterung dich als nächstes erwartet?

© by Alexander Schulcz




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